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Ich
war ein Geschenk
Margret Janus „Ist
der nicht knuffig?“ strahlte er. „Den hab' ich dir mitgebracht. Mein
Kumpel hat einen Wurf Bullterrierwelpen.“ Sie blickte mich wenig
begeistert an. „Ist das nicht einer von denen?! Du weißt schon. Wird
das nicht mal ein Kampfhund?“ „Ach was,“ lachte er. „Das ist reine
Erziehungssache. Sein Züchter hat gesagt, das ist ein ganz ruhiger, ein
richtiger Frauenhund.“ Er drückte mich ihr in den Arm. „Du wirst ihn
mögen. Glaub' mir.“ Er hatte Recht. Es dauerte keine drei Tage, da war
ich ihr Samson-Baby. Sie schleppte mich alle drei Stunden vor die Tür,
damit ich mein Geschäft erledigen konnte, sie fütterte mich, sie pflegte
mich. Sie war wie eine Mutter zu mir. Wenn er von der Arbeit heimkam,
spielte er mit mir. Es ging mir gut. Eines Tages kam er nicht mehr heim.
Er kam nie wieder. „Samson,
er hat uns im Stich gelassen.“ weinte sie, „ wenn ich damals geahnt hätte,
was er für ein Mistkerl ist.“ Anfangs fehlte er mir, aber dann habe ich
ihn vergessen, nicht so ganz, aber fast. Es ging mir ja gut. Und dann kam
der Neue. Er blieb. Ich
wollte sein Freund sein. Ich legte mich vor seine Füsse und zeigte ihm
meinen Hundebauch, damit er den streicheln konnte. „Streichle ihn
nur,“ forderte sie den Neuen auf. „Samson ist ein lieber Kerl. Du
wirst ihn mögen.“ „Solange
der Hund im Haus ist, steht mein Vorgänger zwischen uns,“ sagte der
Neue eines Tages. „Ich will, dass er verschwindet.“ So geschah es,
dass ich im Tiermarkt angeboten wurde: BT-Rüde,
18 Monate, weiß, liebes Wesen, umständehalber in gute Hände abzugeben. Bald
darauf kamen ein Mann und eine Frau zu uns. Beide gefielen mir auf Anhieb.
„Unser alter Bully ist vor vier Wochen gestorben. Eigentlich wollten wir
keinen mehr. Sie wissen ja, welche Schwierigkeiten man mit seinen
Mitmenschen hat. Auch wenn der Hund absolut gutartig ist, werden einem ständig
Boshaftigkeiten an den Kopf geworfen. Aber als wir ihre Annonce gelesen
haben, dachten wir, den schauen wir uns mal an.“ Seine
Hand liebkoste meinen Nacken. „Na mein Junge, willst du unser Hund
werden?“ Seine Worte verstand ich natürlich nicht, trotzdem wedelte
ich. „Er ist ein Schöner,“ sagte nun die Frau, „aber den Namen mag
ich nicht. Wir werden ihn Paule nennen. Er wird doch nichts dagegen
einzuwenden haben?“ lachte sie. „Komm mal her, mein lieber Junge.“ Und
so hieß ich von nun an nicht mehr Samson, aber Paule eigentlich auch
nicht. Herrchen rief mich „alter Junge“ und Frauchen sagte „mein
lieber Junge“ zu mir. Und
dann haben sie mich mit nach Hause genommen. Wir mussten ziemlich lange
fahren, aber ich fand das toll. Wir Bullterrier sind ja die geborenen
Autohunde. Anschließend durfte ich ausgiebig meinen Garten beschnüffeln.
„Na, alter Junge, gefällt es dir bei uns? Das gehört jetzt alles
dir.“ Herrchen klopfte mir den Rücken und ich wedelte sehr beschäftigt,
denn es roch nach Hund. „Du riechst den Jason, nicht wahr?? Er war ein
guter Hund. Er ist nun im Hundehimmel. Vielleicht schaut er gerade auf uns
herab.“ „Ach!!“
Eine zänkische Frauenstimme zerriss die Ruhe. „Sie haben sich ja doch
wieder so einen angeschafft!!“
„Ja, Frau Niedermann,“ antwortete Herrchen, „sie wissen ja, wie es
ist, wenn man sein Herz an eine bestimmte Hunderasse verloren hat. Sie
lieben Dackel und wir Bullterrier. Er ist ein eben so guter Kerl wie sein
Vorgänger. Sie werden ihn mögen.“ „Das glaubst du doch selber
nicht,“ zischte die Frau hinter dem Gartenzaun. Herrchen verstand sie
nicht, ich dagegen wohl, denn Hunde haben viel bessere Ohren als Menschen.
Frau Niedermann ging ein Grundstück weiter und mit ihr widerstrebend der
Dackel Herrmann. „Die von nebenan haben sich doch wieder so einen
Killerhund ins Haus geholt,“ beschwerte sie sich bei unserem Nachbarn
zur Rechten. „Kaum glaubte ich, vor diesen Bestien sicher zu sein, und
dann das! Der zerfleischt mir sicherlich irgendwann meinen Herrmann.
Denken sie an meine Worte!“ Doch bevor unser Nachbar zur Rechten überhaupt
etwas antworten konnte, eilte sie davon und zerrte ihren Dackel Herrmann
mit, der eben im Begriff war, sich mit einem frei laufenden Pudel zu prügeln. „Das
ist mir vielleicht eine Tante,“ sagte wenig später unser Nachbar zu
seiner Frau. „Selber hat die Niedermann den aggressivsten Kläffer weit
und breit, aber auf unbescholtene Hundehalter drischt sie ein. Und keiner
traut sich, ihr die Meinung zu geigen, nur weil ihr Mann Bürgermeister
ist. Komm!“ forderte er seine Frau auf, „wir sehen uns mal den neuen
Bully an.“ Und so lernte ich gleich darauf ihn und seine Frau kennen.
„Ach wie schön, dass sie vorbeischauen,“ freute sich Herrchen, „wir
haben einen neuen Hund. Er heißt Paule, sie werden ihn mögen.“ –
„Dass ihr alter Jason einen Nachfolger bekommen hat, berichtete uns
bereits die Frau Bürgermeister.“ Unser Nachbar verzog sein nettes
Gesicht zu einer hässlichen Grimasse. Doch dann wurde er wieder fröhlich.
„Hallo, Paule,“ lockte er mich, „lass dich mal anschauen.“ Aber
ich musste nun wirklich dringend zu Ende schnüffeln, sonst wäre ich an
diesem Nachmittag nicht damit fertig geworden. „Es ist alles ein
bisschen viel für ihn,“ entschuldigte Herrchen mein mangelndes
Interesse. „Was soll's,“ lachte der Nachbar, „wir werden uns auch so
vertragen. Er ist wirklich ein Schöner.“ – „Und ein feiner Kerl
dazu.“ bekräftigte Herrchen. Ich
lebte mich schnell in mein neues Zuhause ein. Wir hatten eine gute Zeit
miteinander. Nur hin und wieder störten Frau Niedermann und ihr Dackel
unseren häuslichen Frieden. Wenn ich im Garten war, drohte er mir regelmäßig
lauthals an, was er alles mit mir anstellen würde, wenn er mich denn
irgendwann zu fassen bekäme. Herrchen
und Frauchen kochten zwar innerlich, aber so lange Frau Niedermann ihren
Herrmann leise vor sich hinschimpfend an unserem Grundstück vorbeizerrte,
schwiegen sie, obwohl ihnen Herrmanns ständiges Theater unheimlich auf
die Nerven ging. Eines
Tages war das Mass dann aber doch voll. „Ich sehe es kommen.“ keifte
Frau Niedermann, als Herrchen gerade unsere Hecke beschnitt. „Ihr gefährlicher
Kampfhund wird über den Zaun springen und dann ist es um meinen armen
Herrmann geschehen.“ Herrchen stellte die elektrische Heckenschere ab. „Frau
Niedermann,“ sagte er betont ruhig, „Wenn hier einer Streit sucht,
dann ist es ihr Dackel. Unser Paule tut keiner Seele etwas zuleide. Außerdem
müssen sie ja nicht ständig an unserem Grundstück entlanggehen. Sie können
doch ebenso gut die andere Straßenseite benutzen.“ Frau
Niedermann verschluckte sich beinahe. „Was??!!“ empörte sie sich,
„Ich kann gehen, wo ich will! Mein Mann ist Bürgermeister!! - Das wird
ja immer schöner. Sie haben einen Mörderhund, und mir wollen sie
Vorschriften machen!“ Herrchen stellte die elektrische Heckenschere
wieder an und tat so, als wäre Frau Niedermann Luft. Es
dauerte vielleicht ein halbes Jahr, da hielt der Kummer in unserem Haus
Einzug. Herrchen verlor seinen Arbeitsplatz. Und zu allem Unglück erhielt
er wenig später einen schriftlichen Bescheid, dass er künftig für
seinen Bullterrier 1.2oo,- DM
Kampfhundesteuer pro Jahr zu zahlen hätte. „Das kann doch nicht sein.
Wo sollen wir denn das Geld hernehmen?“ Er,
der sonst immer alles wusste, war ratlos. „Es gibt doch nur unseren
Paule im Ort. Wer kann sich denn das ausgedacht haben.“ – „Geh zum
Amt,“ riet Frauchen, „vielleicht ist denen ein Irrtum unterlaufen. Die
wissen doch, dass wir seit Ewigkeiten Bullterrier haben. Wir haben doch
noch nie Ärger mit ihnen gehabt.“ Herrchen
machte sich sofort auf den Weg. Er begegnete Frau Niedermann. Auf ihrem
Gesicht lag ein hintergründiges Lächeln, als sie ihren knurrenden
Herrmann an Herrchen vorbeischleppte, aber Herrchen bemerkte es nicht, er
hatte andere Sorgen. „Wir
wollen keine Kampfhunde in unserer Gemeinde. Diese Steuer soll verhindern,
dass sich diese Tiere auch bei uns ausbreiten wie in manchen Großstädten.
Wehret den Anfängen. Sie können ja den Klageweg beschreiten. Aber so was
kann dauern.“ Damit
war Herrchen entlassen... und ich gleich mit. Es
folgten schreckliche Tage. Frauchen weinte viel und Herrchen war noch
seltener daheim als sonst. Er suchte verzweifelt nach Arbeit. Wenn
er da war, streichelte er mich ständig, aber er schaute mich dabei nicht
an. „Wir müssen uns von ihm trennen.“ sagte er zu Frauchen. „Wir können
die 1.2oo,- DM zusätzlich nicht aufbringen. Und wenn ich nicht bald
Arbeit finde, dann verlieren wir noch unser Haus.“ Sie
brachten mich ins Tierheim. Vorher waren sie mit mir noch viele Stunden
spazieren gegangen. Frauchen hat fast die ganze Zeit geweint. Herrchen
nicht. Dafür blieb er im Wagen, als sie mich auf das Gelände führte,
auf dem viele Hunde ihre Einsamkeit in die Welt hinaus bellten. „Bring
du ihn rein. Ich kann es nicht ertragen.“ Herrchen war kreidebleich, als
er das sagte. „Bitte
suchen sie ein gutes Zuhause für unseren Paule,“ bat Frauchen die
Tierheimleiterin. „Sie haben doch die Erfahrung in solchen Dingen. Er
ist ein so lieber Kerl. Dass ich ihn hergeben muss, bringt mich fast
um.“ Frauchen liefen wieder Tränen über das Gesicht. „Wir tun unser
Bestes,“ erwiderte die fremde Frau. „Wir haben zur Zeit 14
Bullterrier-Rüden aller Altersstufen. Fast alles liebe Kerle. Und die,
die Verhaltensstörungen haben, sind ganz sicher nicht selber schuld. In
der heutigen Zeit einen vernünftigen Platz für einen Bullterrier zu
finden, ist so schwierig, wie sechs Richtige im Lotto zu tippen.“ Sie
kam hinter ihrem Schreibtisch hervor und streckte mir ihre Hand entgegen.
Sie roch interessant. Ich schnüffelte ausgiebig daran. „Es ist ein
Jammer mit euch,“ sagte die Frau mehr zu sich selbst. „Erst will jeder
einen Bullterrier haben und irgendwann landet ein Großteil von euch bei
uns. “Mitleidig strich sie mir über den Kopf. Sie wandte sich Frauchen
zu. „Wollen sie ihren Hund in die Zwingeranlage begleiten und sich dort
von ihm verabschieden?“ – „Um Gottes Willen!“ Frauchen hob
abwehrend die Hände. „Ich möchte jetzt gehen. Ich kann nicht mehr.“
Ihre letzten Worte waren kaum zu verstehen. Sie
umarmte mich so fest, dass mir beinahe die Luft wegblieb. Dann drückte
sie der Tierheimleiterin meine Leine in die Hand und rannte hinaus.
Seither habe sie nicht wieder gesehen, aber ich warte auf sie. Ich
bin doch ihr lieber Junge. Eines Tages wird sie mich hier abholen. Ganz
bestimmt!
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