SOS Hunde-Hilfe e.V.  SOS Hunde-Hilfe e.V.    SOS Hunde-Hilfe e.V.    SOS Hunde-Hilfe e.V.    SOS Hunde-Hilfe e.V.

                                                                 

Soll man sich um Hunde kümmern, in Zeiten,

wo es vielen Menschen so dreckig geht?

Die Antwort darauf findet sich beim heiligen Franz von Assisi. Sie lautet: „Ja, man soll, solange man den Menschen darüber nicht vergißt.“

 
An fast jedem Hundeschicksal hängt auch das Schicksal eines Menschen, das wir in unseren Bemühungen für die Tiere nicht außer acht lassen können. Mit wieviel Leid sind wir in unserer jetzt 4-jährigen Vereinstätigkeit konfrontiert worden.

Das schrieben wir 1993 in einem Bittbrief um Bußgelder an die Gerichte.

Oft dachte ich, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Aber eine Geschichte, die sich vor zwei Jahren zugetragen hat, wird mir für immer im Gedächnis bleiben. Sie zeigt, wie sehr das Schicksal von Menschen und Tieren miteinander verbunden sein kann und die Hilflosigkeit, die uns oft verzweifeln läßt.

Es war einem naßkalten, ungemütlichen Tag Ende Oktober. Es war schön und irgendwie romantisch, im Warmen zu sitzen und aus dem Küchenfenster zu beobachten, wie die Blätter im Wind von den Bäumen fielen wie große bunte Regentropfen. Als das Telefon klingelte, war ich nicht im entferntesten darauf vorbereitet, was sich am anderen Ende für eine Tragödie abspielen würde.

Unter Weinen und Schluchzen erzählte mir die Frau, daß sie ihre Tiere unterbringen müsse und sie erst dann mit ihrem behinderten Sohn vor den Mißhandlungen ihres Ehemannes flüchten könnte. Es war nicht aus ihr herauszubringen, was eigentlich passiert war, mir war nur klar, daß jetzt von unserer Seite etwas passieren mußte. Ich ließ mir die Adresse geben und rief Günter an, denn einer allein hätte sich anhand der konfusen Schilderungen vielleicht auch noch in Gefahr begeben. „Ich weiß nicht, was los ist, aber komm, wir müssen helfen, ich erzähl Dir auf der Fahrt, was ich weiß.“ Eine halbe Stunde später waren wir auf dem Weg.

Bei der angegebenen Adresse handelte es sich um ein hübsches kleines Häuschen, umgeben von einem großen Garten. Das Gartentor war verschlossen, aber im Haus standen trotz der nassen Kälte die Tür und alle Fenster weit offen. Am Zaun begrüßte uns knurrend ein schwarzer Hund. Auf unser Rufen wurde die Frau aufmerksam und öffnete uns das Tor. An ihre Hand klammerte sich ein schwarzhaariger 9-jähriger Junge.

„Ich habe alle Fenster geöffnet, damit die Nachbarn uns wenigstens schreien hören, wenn er wiederkommt. Letzte Nacht ist er durch ein eingeschlagenes Fenster eingedrungen und hat mich und das schlafende Kind mit vollen Bierflaschen beworfen. Wir haben um Hilfe geschrien und sind im Nachthemd in den Garten gerannt. In den Nachbarhäusern ging das Licht an, aber niemand kam heraus. Irgend jemand hat die Polizei gerufen, aber als die kam, war er schon weg. Heute ist er mit dem Auto vor dem Haus hin- und hergefahren.“

Auf den ersten Blick war uns nicht nur klar, daß die Frau unter Schock und unter starken Beruhigungsmitteln stand, sondern daß wir die beiden hier nicht mehr allein lassen konnten. Wir gingen gemeinsam ins Haus. Hier standen Taschen und Koffer, in denen das Nötigste zusammengepackt war, zur Flucht bereit.

„Ich bin so froh, daß sie da sind, bitte kümmern sie sich um die Tiere, wir müssen weg, er wird uns totschlagen. Meine Eltern überweisen mir das Geld für den Zug telegrafisch. Nur darauf muß ich noch warten, nur einen der Hamster, den ältesten, können wir mitnehmen, aber was soll aus den anderen werden?. Bitte helfen sie uns, ich habe so große Angst um mein Kind.“

Sie schaute uns aus flackernden Augen an. Das Kind schmiegte sich an sie und hielt ihre Hand: „Mami, wein doch bitte nicht mehr, die Leute sind doch jetzt hier, sie helfen uns, alles wird gut, Mami, bitte wein nicht mehr.“

Der Anblick war so entsetzlich für uns, daß Günter und ich nicht wagten, uns in die Augen zu schauen. Ich griff zum Telefon und fragte mich durch zu der schnellsten und günstigsten Zugverbindung ihres Fluchtortes. Das Geld, daß die Frau noch zusammenkramte, reichte bis auf eine kleine Summe, die wir jedoch noch aus unseren Taschen beisteuern konnten. Ein letzter Gang durch das Haus, und dann trugen wir alles hinaus, was mitkommen sollte.

Glücklicherweise hatten wir den Kombi, so daß wir alles unterbringen konnten. Hinten auf der Ladefläche verstauten wir die Koffer und den Hund. Auf dem Rücksitz saßen die Frau und das Kind, jeder einen Hamsterkäfig auf dem Schoß, einer zwischen ihnen. Günter fuhr, und ich hatte auf dem Beifahrersitz ebenfalls einen Hamsterkäfig auf den Knien, den Korb mit der Katze und eine Tasche zwischen den Füßen. Der Hund, der nie vorher in einem Auto gesessen hatte, versuchte in seiner Panik nach vorn zu gelangen und stieg auf den Kofferberg. Alles fiel durcheinander. Aber es war keine Zeit anzuhalten, denn wir mußten so schnell wie möglich weg. Die beiden hinten im Auto wurden ruhiger. Die Frau weinte nur noch still vor sich hin und das Kind sprach tröstend mit dem Hamster auf seinem Schoß. Keiner der beiden blickte zurück zum Haus. Aber das Schlimmste, nämlich der Abschied von den Tieren, sollte noch folgen.

Am Bahnhof angekommen, hielten wir am Taxistand. Erst einmal mußten die Hamsterkäfige ausgeladen werden, damit die beiden hinten aussteigen konnten. Den Käfig mit dem alten Hamster hielt das Kind in den Händen, die anderen Käfige luden wir wieder auf den Rücksitz. Durch die Gitterstäbe hielt ich den jaulenden und sich wehrenden Hund am Halsband fest, während Günter die Koffer von der Ladefläche holte. Dann schlug er hinten die Klappe zu. Die Frau legte weinend die flache Hand zum Abschied an die Scheibe und - in diesem Moment erst - verstand der Junge, daß er seine Tiere nicht mitnehmen würde.

Erst schaute er nur ungläubig seine Mutter und dann uns an, fing immer heftiger zu weinen an, klammerte sich ans Auto und schrie wie wahnsinnig die Namen der Tiere, der Hund tobte und bellte im Auto, hinter uns hupten die Taxifahrer, seine Mutter versuchte, ihn vom Auto wegzuziehen, ich löste vorsichtig seine kleinen Finger vom Türgriff. Wir wollten helfen und konnten es doch nicht.

Die Frau brach fast zusammen unter dem Leid ihres Kindes. Ich besorgte einen Wagen und lud die Taschen und Koffer auf, und sie nahm das Kind an die Hand.

Langsam gingen beide auf die Bahnhofshalle zu, schauten sich noch einmal um und verschwanden im Gewühl der anderen Reisenden.

Wie angewurzelt standen wir beide da und sahen ihnen nach, bis uns das Gebrüll der wütenden Taxifahrer aus unserer Erstarrung riß.

„Günter komm, laß uns fahren.“                                                             Ilona Zajc