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Isi

Wie oft hatte Julia in den letzten Monaten hier am Boden gehockt und gewartet. Und nun war das Wunder geschehen. Isi hatte sich dicht neben sie gesetzt. Julia spürte die Wärme ihres Körpers. „Hallo, Mäuschen,“ flüsterte die junge Frau kaum hörbar, „wir kriegen das hin, Du und ich. Wir werden den anderen beweisen, daß Du noch eine Zukunft hast.“ Bei diesen Worten begann Wehmut das aufkeimende Glücksgefühl aus Julias Brust zu verdrängen. Zukunft, was hatte diese Hündin für eine Zukunft? Der Vorstand war sich ihretwegen vor kurzem tierisch in die Haare geraten. Einige Mitglieder hatten sogar mit Austritt gedroht. „Glauben Sie, daß es mir egal sein kann, wenn unsere Beiträge für Hunde, die nicht vermittelbar sind, zum Fenster rausgeworfen werden?“ hatte Frau Zander die Gedanken vieler in Worte gefaßt. „Ihretwegen bleiben andere ohne Chance. Tierheimplätze dürfen nicht mit Seelenkrüppeln zugepflastert werden, die keiner haben will. Wir müssen klare Kante beziehen, sonst stehen wir irgendwann vor dem Aus.“ Die Fristverlängerung, die Julia für die Bullterrierhündin erstritten hatte, näherte sich unaufhaltsam ihrem Ende. „Sie entscheiden nach Weihnachten über Dein Schicksal, Isi.“

Julias Gedanken wanderten zu jenem Spätnachmittag im Frühjahr zurück, an dem die Kleine gebracht worden war. „Wenn Furcht eine Gestalt hat, dann diese.“ hatte Frau Zander erschüttert ausgestoßen, die zufällig gemeinsam mit Julia aus dem Fenster schaute, als ein kahlköpfiger Hüne das ausgemergelte Bündel Leben wie einen Kartoffelsack hinter sich her zerrte. Angaben zu seiner Person machte er erwartungsgemäß keine. „Die hab‘ ich gefunden,“ behauptete er grinsend. „Wenn Sie die nicht nehmen, dann hat sie eben Pech gehabt.“ –„Nein, nein.“ sagten Frau Zander und Julia daraufhin wie aus einem Munde. „Sie kann hier bleiben.“ Und so bezog Isi, wie die kleine Hündin genannt wurde, die dritte Box hinten links im Seitentrakt. Dieser Teil war für den Publikumsverkehr nicht zugänglich. Hier waren jene gequälten Kreaturen untergebracht, die ihr Vertrauen zu den Menschen verloren hatten. Manche wurden mit viel Mühe aufgepäppelt, andere mußten eingeschläfert werden, weil eine Reparatur ihrer zerbrochenen Seelen nicht mehr möglich war. Isi schien so ein hoffnungsloser Fall zu sein. Die Tierärztin, die noch am gleichen Abend zu ihr gerufen worden war, diagnostizierte die Folgen schwerster Mißhandlungen, einen unversorgten Bruch des linken Vorderbeines, Blutergüsse im Bauchraum und kreisförmige Verbrennungen an den Flanken. „Der hat glühende Zigaretten auf ihr ausgedrückt.“ Die verängstigte Hündin rührte sich nicht, als Frau Dr. Helmes sie behandelte. Sie war wie tot. „Wenn diesen Kerlen doch per Gerichtsbeschluß ein lebenslanges Hundehaltungsverbot verpaßt werden würde. Aber die schlängeln sich immer wieder durch. Und der Irrsinn ist, unsere Gesellschaft glaubt auch noch, ein sogenannter Kampfhund verdiene es nicht anders.“

In den folgenden Wochen gesundete Isis Körper, doch ihre panische Angst vor Menschen blieb. So wie sie Schritte hörte, verließ sie fluchtartig ihr Körbchen und versteckte sich zitternd in der äußersten Ecke. Dennoch gab Julia sie nicht auf. Nach Feierabend verbrachte sie regelmäßig eine halbe Stunde in ihrer Box. Dabei sang sie leise Abendlieder oder erzählte der Hündin aus ihrem Leben. „Das ist alles, was ich für Dich tun kann, kleine Maus. Du ahnst gar nicht, wie gern ich Dich bei uns aufnehmen würde. Aber wir haben schon drei Hunde. Konrad habe ich selber mit der Flasche großgezogen. Der wurde vor elf Jahren im Pappkarton über den Zaun in unseren Garten geworfen. Agathe hat man beim Umzug im Zwinger vergessen. Und Flora wurde als Sportgerät auf dem Hundeplatz verschlissen. Eigentlich sollte sie als Zuchthündin Verwendung finden. Weil sie aber von der Schulterhöhe her unter dem Rassestandard blieb, taugte sie nur noch zum Gebrauchsgegenstand. Fünf verschiedene Besitzer haben sich an ihr ausgetobt. Der letzte hat sie mit einem kaum verheilten Bruch über den Parcours gehetzt. Daraufhin wurde sie beschlagnahmt und kam zu uns ins Tierheim. Und was meinst Du, Isi, der Hundeschinder hatte in der nächsten Saison einen neuen Rottweiler. Eine Krähe hackt der anderen eben kein Auge aus. Und wenn es um hundesportliche Erfolge geht, dann haben viele Ehrenmänner und –frauen Dreck am Stecken.

Nachdem ich Flora im vorvergangenen Jahr mit nach Hause brachte, hat mein Max gesagt, daß nun Schluß sein muß. Mehr Hunde könnte er während meiner Abwesenheit nicht artgerecht versorgen. Max ist ein guter Mensch. Aber was Dich betrifft, da läßt er nicht mit sich reden. Er hat schon jetzt eine Menge auszuhalten, wenn er allein mit unseren Hunden spazierengeht. Konrad ist nämlich ein Pitbull und Agathe eine Deutsche Dogge. Und wenn Du als Bullterrier noch hinzu kämest, dann befürchtet er, von Hundehassern gesteinigt zu werden.“

Julia hatte viel Zeit in die kleine Bullterrierhündin investiert und so blieb der Erfolg nicht aus. Eines Tages flüchtete Isi nicht mehr in ihre Ecke, als Julia die Box betrat. Über die Wochen hin begann sie sich Zentimeter für Zentimeter der jungen Frau zu nähern. Julia hätte beinahe geweint, als Isi vorsichtig ihre Arme beschnüffelte, die sie um ihre Knie gelegt hatte. Und an diesem Abend nun, Julia hatte alleine Spätschicht, saß die Bullihündin an Julia gelehnt, als sei das schon immer so gewesen „Isi,“ flüsterte Julia. „Heute ist Heiligabend. Es wird die Geburt von unserem Herrn Jesus Christus gefeiert. Alle Menschen sind voller Freude und manche Tiere auch.“ Gedankenverloren tastete sie mit der Hand nach der kleinen Hündin und diese blieb still sitzen. Julia wagte kaum, sich zu bewegen.

Da klingelte das Handy in ihrer Brusttasche. Normalerweise nahm sie dieses scheußliche Ding nicht mit, denn es raubte ihr die Gedanken und damit ein Stück ihrer Freiheit. Doch nun drückte sie wie in Trance die Empfangstaste und meldete sich mit einem knappen „Ja bitte!“-„Wiesen ist hier.“ sagte eine Frau. „Bitte entschuldigen Sie, daß ich zu dieser ungewöhnlichen Stunde bei Ihnen anrufe. Ich bin heute auf dem Wochenmarkt ungewollt Zeugin eines Gespräches zwischen einer Frau Zander und zwei weiteren Personen geworden. Es ging um eine extrem scheue Bullterrierhündin. - Sie sind Julia, nicht wahr?“ Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause. „Eigentlich wollte ich keinen Bullterrier mehr, aber es wäre nach 25 Jahren das erste Weihnachtsfest ohne einen von ihnen an unserem Gabentisch. Ich glaube, ich kann das nicht aushalten!“ Julia hörte ein Schluchzen. „Darf ich die Kleine zu uns holen?“ bat die Fremde. „Ja,“ hörte Julia ihre eigene Stimme. „Ich erwarte Sie.“ Damit war das Telefonat beendet. „Ich erwarte sie,“ schoß es Julia durch den Kopf. „Wieso erwarte ich sie. Ich kenn‘ die Frau doch gar nicht. Bin ich denn des Wahnsinns?“ Im ersten Augenblick dachte sie an Flucht. Die Fremde würde dann vor verschlossenen Türen stehen und könnte in den nächsten Tagen wieder vorbeischauen. War es nicht möglich, daß Isi ihr bei genauerem Hinsehen nicht gefiel. Julia blickte zur Seite. Ihr linker Arm lag noch immer auf dem Rücken der Hündin. „Es ist Weihnachten. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Vielleicht bekommen wir heute beide ein großes Geschenk.“

Julia drückte sich mit beiden Händen vom Boden hoch und ging zur Tür. Isi folgte ihr. „Du willst mit?“ fragte Julia irritiert. Die Hündin wedelte sachte mit dem Schwanz. „Komm‘ , kleine Maus. Wir gehen nach vorne und rufen die Zander an. Schließlich muß sie wissen, was hier läuft.“ Julia ließ es eine halbe Ewigkeit läuten, aber im Hause Zander nahm keiner den Anruf entgegen.

Und dann fuhr ein PKW vor. Wenig später stand eine Dame mittleren Alters in der Tür. „Das ist sie, nicht?! Wiesen ist mein Name. Wir haben vorhin miteinander telefoniert.“ Sie ließ sich direkt neben dem Eingang mit dem Rücken an der Wand herunter gleiten, um mit lang ausgestreckten Beinen sitzen zu bleiben. „Himmel,“ dachte Julia, „die macht sich doch ihre teuren Klamotten schmutzig.“ Die Frau schien Gedanken lesen zu können. Sie lächelte. „Es gibt Schlimmeres. - Können Sie sich vorstellen, daß ich vor Jahren Bullterrier züchten wollte? Dabei hätte ich schon damals wissen müssen, daß 90% der Interessenten für diese Hunde keinen Schuß Pulver wert sind. Die vier Welpen aus dem ersten und einzigen Wurf habe ich selber behalten, weil nur Pöbel in mein Haus kam.“ Sie fuhr sich mit der Hand über die Haare und wischte die aufgetauten Schneeflocken an ihrem Mantel ab. „Meine letzte Hündin ist in diesem Sommer mit fünfzehn Jahren in meinem Armen eingeschlafen. Es hat Zeiten gegeben, da liefen ständig sechs Bullterrier um mich herum. Und ich hatte geglaubt, ich könne ohne sie existieren. Ich wollte den Unverstand, der mit dieser Rasse einher geht, aus meinem Leben streichen. Ich konnte das alles nicht mehr ertragen. - Aber jetzt bin ich total unglücklich.“ Ihr Blick suchte den von Isi, die ruhig vor dem kargen Schreibtisch stand. „Was meinst Du, meine Schöne, wirst Du mich liebhaben? Komm‘ her zu mir.“ Die Frau hielt der Hündin ihre Handflächen entgegen und Isi bewegte sich wie selbstverständlich auf sie zu.

Julia glaubte zu träumen. Hatte sie nicht Monate gebraucht, bis sie das Vertrauen der Hündin gewonnen hatte, und nun schneite diese wildfremde Person herein und bekam alles umsonst?

Isi ging derweil auf dem kürzesten Weg, nämlich direkt über die ausgestreckten Unterschenkel der Frau, auf diese zu und ließ sich auf ihrem Schoß fallen. „Typisch Bullterrier.“ stöhnte Frau Wiesen mit leicht verkrampftem Lächeln. „Ihre Zuneigung funktioniert hin und wieder nicht ohne blaue Flecke.“ Mit beiden Händen strich sie liebevoll an Isis Körper entlang. „Ich denke, wir alle werden nun doch eine fröhliche Weihnacht haben.“

Und so geschah es auch.

Margret Janus