SOS Hunde-Hilfe e.V.  SOS Hunde-Hilfe e.V.    SOS Hunde-Hilfe e.V.    SOS Hunde-Hilfe e.V.    SOS Hunde-Hilfe e.V.

                                           

Am 02.07.96 rief Herr J. an und erzählte mir , er müsse sich schweren Herzens von seiner  6-jährigen Bullterrierhündin „Maja“ trennen, weil er seine Wohnung verliert. Im Laufe des Telefonats über die Eigenarten und das Verhalten des Hundes berichtete Herr J. u.a., daß der Hund eine kleine kahle Stelle am Hals hätte, die behandelt werden müsse. Der Hund hat irgendwann einmal unter Milbenbefall gelitten, und der Tierarzt hätte ihm eine Salbe verschrieben. Ansteckend sei diese Sache aber nicht mehr.

Ich vereinbarte mit Herrn J., den Hund am nächsten Tag um 18.00 Uhr abzuholen, um ihn in einer Pflegestelle unterzubringen. Als ich am darauffolgenden Tag bei Herrn J. erschien, lag der Hund unter einer Decke auf dem Sessel und wollte nicht hervorkommen. Ich konnte nur den wedelnden Schwanz unter der Decke erahnen. So hockte ich mich auf den Boden und versuchte, den Hund zu locken. Langsam kam Maja hervor. Was ich dann sah, verschlug mir die Sprache. Der arme Hund befand sich in einem erbärmlichen Zustand. Die untere Seite der Schnauze, der gesamte Hals - und Brustbereich und der Bauch - eine einzige Wunde, aufgekratzte eiternde Fläche. Die Beine und Pfoten zeigten wulstige Veränderungen und waren stark angeschwollen. An den genannten Stellen blutete Maja aus vielen kleinen Wunden, die teilweise verschorft waren und die sie sich immer wieder aufkratzte. Nur unter großen Schmerzen konnte der Hund überhaupt laufen. Und nun stand da dieses Hundemädchen, wedelte mich an und versuchte, mir auf den Schoß zu kriechen. Mir fehlten in diesem Moment wirklich die Worte.

Herr J. gab an, daß er selbst erst seit Anfang Mai Besitzer des Hundes sei und dieser sich schon vorher in diesem  Zustand befunden hätte. So legte er mir auch die Rechnung eines Tierarztes vor, den er am 03.06.96, also einen Monat zuvor, aufgesucht hatte. Ich setzte mich gleich mit diesem in Verbindung, der mir mitteilte, daß Herr J. nur dieses eine Mal bei ihm gewesen sei, es aber dringend nötig gewesen wäre, den Hund weiterzubehandeln. Als ich ihm berichtete, daß der Hund in einer Pflegestelle, wo schon ein Welpe vorhanden war, untergebracht werden sollte, riet er mir davon ab. So vereinbarte ich mit Herrn J., daß der Hund noch für ein paar Tage bei ihm bleiben sollte, er aber am selben Abend noch in unsere Spandauer Tierarztpraxis fahren müßte. Herr J. sagte dies zu und versprach mir, mich anschließend anzurufen und zu informieren.

Am Abend wartete ich dann aber vergeblich auf diesen Anruf. Am nächsten Morgen telefonierte ich mit der Tierarztpraxis. Herr J. war nicht mit dem Hund in der Praxis erschienen! Nachdem ich den ganzen Vormittag vergeblich versucht hatte, Herrn J. von meiner Arbeitsstelle aus telefonisch zu erreichen, fuhr ich mittags zu seiner Wohnung. Leider traf ich niemanden an, auch den Hund hörte ich nicht bellen. So fuhr ich mit dem Auto von Tegel nach Spandau in der Hoffnung, Herrn J. dort mit dem Hund beim Tierarzt zu finden - Fehlanzeige! Nach vergeblichem Warten raste ich gegen 18.00 Uhr wieder nach Tegel zu Herrn J.'s Wohnung. Wieder klingelte ich langanhaltend an der Haustür, aber niemand öffnete.

Da Herr J. im Erdgeschoß wohnte, lief ich um das Haus herum und versuchte, durch die Fenster zu schauen - und sehe Herrn J. seelenruhig mit seiner Freundin in der Küche sitzen. So langsam fiel es mir jetzt aber wirklich schwer, noch ruhig zu bleiben. Ich stand also vor dem Fenster, rief laut und schoß Kapriolen, um auf mich aufmerksam zu machen. Nachdem keine Reaktion erfolgte, nahm ich eine Handvoll Dreck und warf ihn gegen die Fensterscheibe. Daraufhin reagierte Herr J. endlich und ich zeigte ihm an, mir umgehend die Tür zu öffnen. Ich muß wohl sehr böse ausgesehen haben, denn er kam meiner Aufforderung sofort nach. Auf meine Frage, warum er nicht beim Tierarzt gewesen sei, versuchte er, sich herauszureden.

Ohne  viel  Worte nahm ich den Hund, um mit ihm nach Spandau zu fahren. Auf dem Weg zum Auto merkte ich, daß Maja große Schmerzen haben mußte. So versuchte sie zu laufen, ohne den Boden wirklich zu berühren. Ihre Pfoten bluteten, und immer wieder blieb sie stehen. Beim Tierarzt bekam sie erst einmal die notwendigen Spritzen, um die erste Qual zu lindern. Eine der Helferinnen nahm den Hund über Nacht zu sich, damit sie unter Beobachtung blieb.

Leider hatten wir keine andere Wahl, als dieses arme Tier am nächsten Tag von seinen Leiden erlösen zu lassen. Zu lange blieben seine Krankheiten unbehandelt, als daß es noch hätte gerettet werden können. Ich kann nicht beschreiben, welche Gefühle mich beherrschten. Ich saß im Büro, als der Tierarzt mich anrief und mir diese schlechte Nachricht mitteilte. Ich war so wütend und so hilflos und so traurig, daß es mir schwerfiel, einen klaren Kopf zu behalten. Dieses arme Hundemädchen ! Bei unserer Autofahrt zum Tierarzt hatte sie auf dem Beifahrersitz gesessen und mir ihren Kopf unter die Achsel gesteckt. Manchmal schaute sie mich an mit traurigem Blick, der zu sagen schien "Hilf mir-es tut so weh !".

Auch jetzt, wo ich die Geschichte aufschreibe, kommen mir wieder die Tränen vor Mitleid und Wut. Da möchte man die Augen vor diesem verdammten  Elend verschließen und alles hinschmeißen! Das Einzige was jedoch blieb, war Anzeige gegen Herrn J. zu erstatten, die inzwischen von der Amtsanwaltschaft bearbeitet wird und ein Bericht in der Zeitung über Tierquälerei. Dafür traf ich mich mit dem Fotografen der Zeitung nachmittags noch beim Tierarzt und ließ mich mit dem toten Hund im Arm fotografieren. Es war ein eigentümliches Gefühl, Maja jetzt so ruhig daliegen zu sehen. Ihre entsetzlichen Wunden waren etwas verblaßt, und ich konnte  das tote Tier streicheln, ohne ihm Schmerzen zuzufügen.

Als Herr J. mich am Abend anrief und fragte, wie es dem Hund gehe, schleuderte ich ihm entgegen, daß der Hund tot sei. Er besaß tatsächlich noch die Frechheit, das Halsband des Hundes zurückzufordern. Leise und in einer gefährlichen Stimmung teilte ich ihm mit, daß er es gerne bei mir persönlich abholen könne. Das Halsband hängt heute noch an einem Haken in meinem Flur.

Spätere Nachforschungen ergaben, daß Maja nie ein Zuhause hatte, in dem man sich um sie sorgte, und trotzdem bleib sie Menschen und anderen Tieren gegenüber immer freundlich und anhänglich.

Manchmal geistert Maja durch meine Träume.

Ilona Zajc